Veranstaltungskalender
Veranstaltung
- Titel:
- Zwischen Jugendknast, Kulturzentrum und Galerie: Graffitikultur
- Wann:
- 25.02.2012 // 11.00 h - // 18.45 h
- Wo:
- Archiv der Jugendkulturen - Berlin
- Kategorie:
- Fortbildung
Beschreibung
Die globale Graffitikultur damals, heute und morgen
An TeilnehmerInnen erwarten wir ca. 25 - 30 erwachsene MultiplikatorInnen (PädadogInnen, Lehrende, Studierende, JournalistInnen), Szenekundige und -unkundige und weitere Interessierte.
Lernziel: Vermittlung eines differenzierten Blicks auf die Phänomene Graffiti und Street Art; Einführung in die Entstehung und Evolution der Graffiti-Kultur auf regionaler und internationaler Ebene; Einbindung von Themen politischer Bildungsarbeit
Referenten: Martin Gegenheimer und Matze Jung vom Graffitiarchiv des Archiv der Jugendkulturen e. V. Berlin
Programm
11:00 – 11:15: Begrüßung und Einführung (Monica Hevelke/Archiv der Jugendkulturen)
11:15 – 12:45: Aus New York über Berlin nach Zehdenick: die globale Weiterentwicklung der Graffitikultur seit den 1960er Jahren (Martin Gegenheimer, Matze Jung)
In den späten 1960er Jahren wuchs die Graffitikultur in einem Klima von Armut, sozialer Ungleichheit, offenem Rassismus und Bandenkriminalität in den New Yorker Ghettos heran. Nach der Eroberung der
U-Bahnen und später auch der Kunstgalerien schwappten die "wilden Schriften" mit HipHop-Spielfilmen und HipHop-Dokumentationen über den Atlantik und lösten auch in Europa einen Flächenbrand unter Jugendlichen aus. Mittlerweile ist Graffiti aus vielen Städten und Metropolen auf der ganzen Welt nicht mehr wegzudenken, auch wenn sich die soziale Situation teilweise grundlegend geändert hat. Die Bandbreite der Interventionen im öffentlichen Raum, die heute als Graffiti und Street Art gefasst werden, werden auch hinsichtlich der künstlerischen und politischen Motivationen ihrer UrheberInnen vorgestellt.
12:45 – 13:30: Mittagspause
Bei Interesse können TeilnehmerInnen des Seminartages in der Mittagspause die Räume des Archivs besichtigen, inklusive einer Führung durch Monica Hevelke und Lydia Busch.
13:30 – 15:00: Legal, illegal, scheißegal?! - Graffiti und Jugendkriminalität (Martin Gegenheimer)
Graffiti wird von breiten Teilen der Bevölkerung hauptsächlich mit deviantem Verhalten Jugendlicher in Verbindung gebracht. Seit Jahrzehnten stehen Sozialarbeiter, Polizisten und Richter dem Phänomen mit relativer Hilflosigkeit gegenüber, weil sich trotz der unzähligen Präventionsmaßnahmen keine durchschlagenden Erfolge im Kampf gegen Graffitisachbeschädigungen einstellen. In diesem Vortrag wird die derzeitige rechtliche Situation erörtert, auch wird auf die Broken-Windows-Theorie eingegangen, die maßgeblich für die heutige weit verbreitete Null-Toleranz-Politik gegenüber Graffiti verantwortlich ist.
Andere entscheidende Akteure werden ebenfalls vorgestellt, wie z. B. der Berliner Verein NoFitti e.V., dessen Politik die Graffitigesetzgebung und die Veränderung des Sachbeschädigungsparagraphen im Jahr 2005 mit beeinflusst hat. Auch wird die polizeiliche Seite am Beispiel der Gemeinsamen Ermittlungsgruppe Graffiti in Berlin (gE GiB) vorgestellt.
15:00 - 15:15: Kaffeepause
15:15 – 16:45: Graffiti in Rio – kreativer Widerstand aus den Favelas? (Matze Jung)
Aus den Favelas schwappen frische Farben durch die berühmt-berüchtigte Millionenstadt, die von einer starken sozialräumlichen Fragmentierung und einer enormen sozioökonomischen Polarisierung gekennzeichnet ist. In den letzten Jahren entstanden in den Marginalvierteln der Stadt eine Vielzahl von kulturellen Ausdrucksformen, mit deren Hilfe sich die BewohnerInnen gegen die Stigmatisierung und Ausgrenzung auflehnen und zu neuem Selbstbewusstsein gelangen konnten.
Im Fokus der Vortragsreihe stehen die Interventionen der grafiteiros in den Favelas von Rio und ihr Beitrag zum „Aufstehen der Kultur von unten“.
- Inwiefern handelt es sich bei den Graffitis und Pixações um politisch-kulturellen Widerstand in der sozialräumlich fragmentierten Stadt?
- Welchen Beitrag zu Politisierung und informellen Bildung kann die Verknüpfung von Graffiti und Sozialarbeit bieten?
- Mit welchen Formen politischer und kommerzieller Vereinnahmung sehen sich die Grafiteiros konfrontiert?
- Welche Parallelen lassen sich im Umgang mit Graffiti in Deutschland und Brasilien finden, und wie können die in Rio de Janeiro erprobten Konzepte hiesige kulturell-politische Arbeit inspirieren?
Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, berichtet Matze Jung in einem multimedialen Vortrag von seinem 18-monatigen Aufenthalt als Sozialgeograph und Sprüher in Rio de Janeiro.
16:45 – 18:45: Graffiti- und Street-Art-Exkursion rund um das Schlesische Tor in Berlin-Kreuzberg
(Martin Gegenheimer, Matze Jung)
Die Entdeckungstour führt die TeilnehmerInnen zu Kreuzberger Hot Spots und der East Side Gallery. Dabei können sie sich im Graffiti-Raten üben, bekommen Erklärungen zu illegalen und legalen Graffiti-Wänden und werden in die Besonderheiten des Berliner Graffiti- und Street-Art-Geschehens eingeführt. Außerdem bieten wir einen Einblick in das Spannungsfeld zwischen kommerziellen Auftragsarbeiten, illegalen Graffiti und der Frage nach der Ab- bzw. Aufwertung von Stadtvierteln durch Straßenkunst.
Die Referenten
Matze Jung (geb. 1979 in Filderstadt) ist seit 1997 aktiver Sprüher. Seit 1999 beteiligt er sich verstärkt an der Planung und Durchführung von Graffitiveranstaltungen und -workshops an Schulen und Jugendhäusern. Seit 2004 konnte er einige Erfolge bei bundesweiten und internationalen Graffitiwettbewerben verzeichnen. Er studierte von 2002 bis 2009 in Tübingen und Rio de Janeiro Geographie, Soziologie und Städtebau. 2009 schrieb er seine Diplomarbeit zum Thema „Geograffiti Carioca – eine kritisch-kulturgeographische Untersuchung des Graffitiphänomens in Rio de Janeiro zwischen Widerstand und Vereinnahmung“. Seit 2007 ist Matze Mitarbeiter im Archiv der Jugendkulturen und Referent für politische Bildung im jugendkulturellen Projekt "Culture on the Road". Seit Herbst 2010 führt er eine Vortragsreihe zur Graffitikultur in Rio de Janeiro in rund 25 Städten im deutschsprachigen Raum durch.
Martin Gegenheimer (geb. 1980 in Berlin) hatte seinen ersten Kontakt mit Graffiti in der Grundschule. Zunächst beschäftigte er sich auf theoretischer Ebene mit Graffiti und dokumentierte fotografisch über viele Jahre entstandene Werke im Stadtgebiet, bevor er Mitte der 90er Jahre selbst zur Dose griff. Jahrelange Erfahrung mit Workshops und Ausstellungen in unterschiedlichen Jugendeinrichtungen (u. a. Outreach, Kinder- und Jugendhaus Lichtenrade) sowie Arbeit in verschiedenen Szeneshops der Stadt. Vereinzelt Arbeit an Leinwänden, z.T. Auftragsarbeiten im Berliner Stadtgebiet und Umland, Textilgestaltung und -druck, konzentriert sich hauptsächlich auf freie Arbeiten. Veröffentlichung von diversen Werken in Szenemagazinen und Büchern. Zurzeit studiert er Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin und arbeitet an seiner Diplomarbeit zum Thema Graffiti. Referent für politische Bildung im Projekt "Culture on the Road".
Veranstaltungsort
- Venue:
- Archiv der Jugendkulturen - Website
- Straße:
- Fidicinstraße 3
- PLZ:
- 10965
- Stadt:
- Berlin
- Land:
-
Beschreibung
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