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Bunt statt Braun (Berliner Zeitung)

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Ostdeutsche Jugendliche haben den Geschmack an der Nazi-Mode verloren
Von Jens Balzer
(aus: www.berlinonline.de)


Die rechte Szene ist im Osten out. Das behauptet jedenfalls eine Studie, die das Berliner Archiv der Jugendkulturen jetzt abgeschlossen hat. 1 001 ostdeutsche Schüler und Schülerinnen zwischen 14 und 18 Jahren wurden nach ihren Sympathien und Antipathien für die wichtigsten Jugendkulturen und Szenen befragt. Am beliebtesten, ergab sich dabei, ist gegenwärtig die HipHop-Szene; es folgen die Punks, die Skater und Gothics. Die "rechte Szene" rangiert bei der "Beliebtheit" abgeschlagen auf dem neunten Platz. Von einer großen Zahl der Jugendlichen wird sie sogar ausdrücklich abgelehnt. In derjenigen Erhebung, in der nach der "größten Unbeliebtheit" von Jugendkulturen gefragt wurde, rangiert die "rechte Szene" auf Platz eins - 500 von 1 001 Jugendlichen fanden sie besonders unsympathisch, weit vor den Punks, den Gothics und den Satanisten.

"Die Rechtsextremen gelten heute nicht mehr als die Avantgarde von morgen, sondern als die letzten Deppen von gestern, die es immer noch nicht geschafft haben, auf den Zug der Zeit zu springen." Dieses Fazit zieht Klaus Farin, der Verfasser der Studie - auch wenn er davor warnt, aus diesem Ergebnis bereits auf einen allgemeinen Rückgang rechter Einstellungen zu schließen: "Der gesellschaftliche Mainstream ist nach wie vor xenophob und rassistisch, das ist im Osten nicht anders als im Westen." Allerdings finde man unter Schülern weniger rechte Einstellungen als unter den 35- bis 55-Jährigen; und der dramatische Attraktivitätsverlust des Nazi-Lifestyle in Musikgeschmack, Kleidermode und Männlichkeitsbild gebe Anlass zur Hoffnung, "dass sich hier etwas bewegt".

Farin, ein gelassener Ex-Punk, forscht schon seit Jahren zur Soziologie und Ästhetik der Jugendkulturen. In seinem in der Kreuzberger Fidicinstraße beheimateten Archiv hat er unter anderem eine beeindruckende Sammlung von Fanzines aufgebaut, aus allen Bereichen der Punk-, Skinhead-, Gothic-, HipHop- und sonstigen Szenen. Seit der Wende hat er sich besonders für die Entwicklung der Jugendkulturen in Ostdeutschland interessiert, unter anderem im Auftrag der Landeszentrale für politische Bildung. "Anfang der Neunzigerjahre war ich vor allem in Thüringen unterwegs; wenn ich da in eine Klasse kam und fragte: ,Wer ist hier rechts?', stand gleich die Hälfte der Schüler auf und rief ,hier', ,ich bin in der FAP' usw., ohne dass die genau wussten, was die FAP ist. Das war halt cool, provokant, gewalttätig." Und heute? "Heute steht keiner auf, es herrscht erstmal Schweigen, und irgendwann zeigt ein Mädchen aus der ersten Reihe nach hinten: ,Der Penner da, der ist rechts.'"

Die Daten, die Farin im Rahmen seiner neuen Studie erhoben hat, bestätigen diesen Eindruck. Dem naheliegenden Einwand, dass sich "rechte" Jugendliche einfach nicht zu ihrer Szene bekennen - "obwohl das allein ja schon für sich spräche", so Farin -, habe er mit Kontrollfragen zu Lieblingsbands, -bekleidungsmarken und Identifikationsfiguren im näheren und weiteren sozialen Umfeld zu begegnen versucht. "Wenn einer sagt ,ich bin nicht rechts' und gibt dann als Lieblingsband die Zillertaler Türkenjäger an, dann wurde das in der Wertung natürlich berücksichtigt."

Es sei aber gerade die Stumpfheit, das mangelnde Entwicklungspotenzial des neonazistischen Rock, die viele Jugendliche inzwischen anderen, "kreativeren" Szenen zutrieben. Aus seiner ästhetischen Qualität und Vielfältigkeit erkläre sich auch die Beliebtheit des HipHop. "Kein anderes Musikgenre ist so populär, keine andere Szene prägt so sehr die Sprache, die Mode und die Begrüßungsrituale vor allem der 14- bis 16-Jährigen beiderlei Geschlechts." HipHop-Fans und -Aktivisten, Rapper, DJs, Sprayer und Breakdancer seien in jeder ostdeutschen Kleinstadt präsent, oftmals verschwistert mit der Skater-Szene, welche wiederum in die Punk-Szene hineinreiche.

Die Beliebtheit des Punk, das findet auch Farin, ist die eigentliche Überraschung, die sich aus der Studie ergibt: Gerade unter ostdeutschen Jugendlichen erlebe das Genre - das ja eigentlich so lange totgesagt wird, wie es existiert - einen außerordentlichen Boom: "Allein in Erfurt gibt es bestimmt an die 20 Punk-Bands."

Natürlich gebe es Nazi-Punks, ebenso wie Nazi-Rapper. Rechte Aktivisten, die ihren jugendkulturellen Boden schwinden sehen, versuchen die erfolgreicheren Szenen zu unterwandern - kommen dort aber unter ungewohnten Rechtfertigungszwang. "Punk gilt erst einmal als genuin links, und wer dort mit rechten Thesen ankommt, muss die diskutieren." Und HipHop sei derart in der schwarzen Kultur verwurzelt, dass er für weißen Rassismus fast nicht zu gebrauchen sei. "Es sind Widersprüche aufgetaucht", sagt Farin, "das finde ich spannend."

Mehr als deutlich jedenfalls sei das Signal, das an die staatliche Jugendarbeit ausgehe: "Es kann nicht mehr um den Kampf gegen die rechte Jugendkultur gehen. Man muss die Konkurrenz stärken: alle Jugendkulturen, die anti-rassistisch und tolerant sind, die HipHopper, Skater und Punks."

Den kompletten Pressetext finden Sie hier: Neue Studie: Rechte Szene im Osten out