Die Kompassnadel des Coolen (Frankfurter Rundschau)
Über die fehlende Attraktivität rechter Subkulturen - Eine Studie zur Jugendkultur gibt scheinbar Entwarnung
VON MATTHIAS DELL
(aus: www.fr-aktuell.de)
Im Osten was Neues. Die rechte Szene gilt unter Jugendlichen als unattraktiv. Oder, um es in den schlichten Kategorien des Zeitgeists zu sagen: Rechts sein ist out. Zu diesem Ergebnis kommt die Jugendkultur-Präferenzstudie 2004/2005, die das in Berlin ansässige Archiv der Jugendkulturen durchgeführt hat. Von 1001 befragten Schülern im Alter von 14 bis 18 Jahren äußerten lediglich 28 Sympathie für die rechte Szene. Umgekehrt bekundete die Hälfte der Jugendlichen eine Abneigung gegen die braune Subkultur. "Die Rechtsextremen gelten heute bei immer mehr Gleichaltrigen nicht mehr als die Avantgarde von morgen, sondern als die letzten Deppen von gestern, die es immer noch nicht geschafft haben, auf den Zug der Zeit zu springen", heißt es in der von dem etablierten Berliner Szeneforscher Klaus Farin verfassten Studie.
Diese Botschaft ist begrüßenswert, aber sie bedeutet keine Entwarnung. Nicht jeder, der rechtsextreme Einstellungen teilt, bekennt sich auch zu diesen, wenn er befragt wird. Außerdem hat sich die rechte Szene in den letzten Jahren diversifiziert. Die Zeiten, in denen die Skinhead-Kultur als einzige rechte Kleiderkammer fungierte, sind vorbei. Heute bedient sich die rechte Szene bei vielen Stilen - die viel zitierten "Che Guevara"-T-Shirts bei Demonstration sind ein Beispiel, Label wie "Thor Steinar", die Stil und Markenbewusstsein von Skateboardern oder HipHoppern parodieren, ein anderes.
Zugleich hat gerade der HipHop, der in der Studie als am stärksten präferierte Jugendkultur erscheint, in seiner Entwicklung zum jugendkulturellen Mainstream an Profil verloren. Die kommerzielle HipHop-Kultur hat beispielsweise ein extrem klischeehaftes Frauenbild produziert. Der Rapper Fler ("Neue Deutsche Welle") hat wiederum vorgeführt, dass es möglich ist, nationale Töne zu spucken, solange man sich an die formalen Regeln des Rappens hält. Die zunehmende Stilvermischung macht es für die kritische Öffentlichkeit nicht leichter, rechtsextreme Einstellungen zu erkennen. Sie stellt aber auch die Rechten selbst vor ein Problem, wie die Austritte aus der NPD-Fraktion im sächsischen Landtag zeigen. Selbst eine bloß strategische Öffnung birgt für die rechte Szene die Gefahr, dass sie der Beschränktheit ihres Weltbilds verlustig geht. Irgendwo ist ein Wolf im Schafspelz eben auch Schaf.
Politisches Outsourcing
Darüber hinaus ist zu fragen, ob die angebliche Avantgarde der Rechtsextremen im Osten nicht immer schon eine medial erzeugte Chimäre war. Die Studie erinnert daran, dass mit der Vereinigung 1990 das Problem des Rechtsextremismus, das bis dato ein westdeutsches war, in die Zuständigkeit des Ostens überging. Es wäre zu untersuchen, ob nicht das mentale Outsourcing des Rechtsextremismus in die neuen Länder die Berichterstattung aus den alten Ländern in einem Maße dramatisiert hat, dass der Trugschluss enstand, "rechts" sei in Ostdeutschland unter allen Jugendkulturen die attraktivste.
Die Studie Jugendkulturen interessiert sich für Identifikationsangebote, die Subkulturen an ihre Mitglieder beim Aufbruch in die Selbstfindung ausgeben: für Mode, Musik oder Körperkult. In diesem Feld wird es die rechte Szene jedoch schwer haben, jemals als cool zu erscheinen, weil sie nicht Kreativität ermöglicht, sondern Destruktivität verbreitet. Die Defensive, aus der heraus der Rechtsextremismus agiert, nährt sich zwar aus Protest und dem Wunsch nach Ablehnung von bestehenden Identifikationsangeboten. Aber im Bereich von subkultureller Attraktion lässt sich mit stupider Rückwärtsgewandtheit schon per defitionem keine führende - nämlich fortschrittliche - Position im Peloton des dahin rasenden Zeitgeists erreichen.
Dass es dennoch Gegenden gibt, in denen die rechte Szene die vorherrschende oder zumindest keine marginale Jugendkultur darstellt, ist nicht über Präferenzen zu erklä-ren, die sich an der Kompassnadel des Coolen ausrichten. Die Dominanz rechtsextremer Jugendkultur bedeutet zugleich immer die Unterdrückung andersartiger Subkulturen. Die eilfertige mediale Vergröberung übersieht, dass die rechte Szene in manchen Orten nicht deshalb tonangebend ist, weil ihre Gewaltbereitschaft attraktiver ist als ein "Nirvana"-Aufnäher auf dem Rucksack, sondern, weil sie den Jugendlichen mit einem "Nirvana"-Aufnäher auf dem Rucksack mit ihrer Gewaltbereitschaft konfrontiert.
Anders als konservative Subkulturen wie die der Gothics/Gruftis offeriert der Rechts-extremismus keine friedliche Weltflucht, sondern setzt auf Expansion. Dem zu begegnen, bedeutet folglich, die Jugendkulturen zu stärken, denen nicht menschenfeindliche Ideologien zu Grunde liegen, sondern die eine wie auch immer geprägte Entfaltung junger Menschen ermöglichen.
Mitbestimmung als Gegenmittel
Dass das leichter gefordert ist als getan, bekommen jene Initiativen zu spüren, die sich in den problematischen Regionen um alternative Jugendarbeit bemühen - gegen den Widerstand der Gesellschaft, die sich in ihrer Sittsamkeit eher durch bunte Haare gestört fühlt als durch die eingeschmissene Scheibe im China-Imbiss; gegen den Widerstand von Bürgermeistern, die mit sorgenvollem Blick auf Touristenzahlen ihren Fehlglauben behalten wollen, dass es Rechtsextremismus nicht gibt, solange sich keiner darüber beschwert; und nicht zuletzt gegen den kurzsichtigen Aktionismus einer Politik, die davon ausgeht, Gelder in der Jugendarbeit einsparen zu können, wenn lange genug kein Asylbewerber medienwirksam krankenhausreif geschlagen worden ist.
Das ehrliche Interesse, das das Archiv der Jugendkulturen Schülern entgegenbringt, ist im Übrigen leider allzu selten. Eine kürzlich vorgestellte Studie der Bertelsmann-Stiftung zur Kinder- und Jugendpartizipation zeigt, dass über den Grad der Mitbestimmung an Entscheidungsprozessen in Schule oder Kommune unterschiedliche Ansichten existieren: Wo Kinder das Gefühl haben, nur wenig mitreden zu können, empfinden Erwachsene eher Mitbestimmung. Dabei wäre es nicht einmal mit Kosten verbunden, Kinder und Jugendliche auf schulischer oder kommunaler Ebene in Entscheidungen einzubeziehen, die sie selbst betreffen. So könnte man die Vorteile der Demokratie frühzeitig begreifbar machen, was die Unattraktivität der rechten Szene sicher steigern würde.

